Ich bin ein Puzzle!

Ich bin ein Puzzle!

Ich bin entsetzt, was grade passiert. Es schockiert mich, was mit mir passiert. Diese für mich völlig unerwartete Trennung macht mich zu einem Menschen, der ich nicht sein möchte und ich habe kaum noch Kontrolle über mich.

Ich erkenne den Mann, mit dem ich zwanzig Jahre glücklich war nicht mehr und ebenso erkenne ich mich nicht mehr und immer wieder stellt sich die Frage, wie es soweit kommen konnte.

Jetzt habe ich das Glück, dass ich mich in Therapie befinde und ein sehr reflektierter Mensch bin. Daher habe ich Hilfe bei der Verarbeitung und ich habe auch glücklicherweise Menschen, die sich um mich sorgen und auf deren Hilfe und Unterstützung ich jederzeit zurückgreifen kann.

Und so weh es mir auch tut, dass mein Mann hier wie eine Abrissbirne alles zerstört, was unser bisheriges Leben ausgemacht hat, kann ich ihm weder helfen noch ihn bremsen, weil ich akzeptieren muss, dass das nicht mehr zu meinen Aufgaben gehört und er das mit sich selbst ausmachen muss.

So bleibt mir wieder einmal nur der Weg über mich selbst, um Antworten auf meine unzähligen Fragen zu finden, denn ein anderer wird sie mir nicht geben. Und ich muss zusehen, dass ich die Kontrolle über mich zurückgewinne und muss auch mich neu ergründen.

Er hat mir vorgeworfen, dass ich mich in die Märtyrerrolle begeben habe und auch, wenn mir das gar nicht schmeckt, muss ich ihm zugestehen, dass er recht hat. Auch wenn das Schlüpfen in diese Rolle in meiner enormen Verletzung begründet ist, will ich das nicht.

Ich muss jetzt Verantwortung für mich übernehmen und versuchen, diese Millionen von Teilchen in die ich zersprengt wurde, wieder zusammenzusetzen. Auch eine Form von Recycling. Einschmelzen und etwas Neues kreieren. Und zwar relativ autark, eben unabhängig.

Grade das bereitet mir Schwierigkeiten, das Thema Abhängigkeit, denn ich befürchte, dass das ein Schlüsselthema in meinem Leben ist, der auch fest mit meiner Vergangenheit verwoben ist. Ich wurde 43 Jahre meines Lebens immer in einer Abhängigkeit gehalten, meist finanziell, um mich zur Marionette zu machen. Es ist mir in harter Arbeit gelungen, mich aus dieser Abhängigkeit zu befreien. Wie sieht meine derzeitige Abhängigkeit aus? Mache ich mich selbst abhängig, indem ich mir sage, dass ich unbedingt Teil einer Partnerschaft sein muss, in die ich investieren muss, um mir selbst eine Daseinsberechtigung zu erteilen? Besteht meine Abhängigkeit darin, dass ich wirklich große Angst vor dem Alleinsein habe und daher unbedingt jemanden an mich binden muss? Klammere ich mich deshalb so an meine Ehe, weil ich Angst vor Einsamkeit habe? Das ist grade alles sehr verwirrend.

Ich leide akut unter extremen Stimmungsschwankungen. Vertrete ich in einem Moment vehement eine Meinung oder fasse einen Entschluss, ist das alles im nächsten Moment schon wieder hinfällig. Das macht es für meine Umwelt sehr schwierig mit mir umzugehen und für mich selbst auch. Ich muss mir unbedingt abtrainieren, alles, was mir durch den Kopf geht, direkt auszuposaunen und versuchen, zuerst zu denken und dann zu reden. Nicht umsonst gibt es die Empfehlung immer erst eine Nacht über getroffene Entscheidungen zu schlafen. Ich bin selbst grade auch eine Abrissbirne, die vieles zerstört.

Und dann ist da noch die Sache mit den Medikamenten. Nach Beurteilung meines Therapeuten sind sie kurzzeitig hilfreich als Stütze, um keine „Dummheiten“ zu machen. Sie verhindern aber auch die emotionale Aufarbeitung und die muss ich dringend in Angriff nehmen. Aber es ist so anstrengend, wenn ich die Medis nicht nehme. Mich fluten dann so viele Emotionen, dass mein System schnell total überlastet ist. Nehme ich sie dann, geht es mir auch nicht wirklich besser, weil ich dann einfach nichts mehr empfinden kann. Ich muss einen Weg finden, um mich frei von jeglichen äußeren Einflüssen mit mir selbst auseinanderzusetzen und die Kontrolle über mich wieder zu übernehmen.

Und bei meinem Wiederaufbau kann ich niemanden außer mir selbst berücksichtigen und muss akzeptieren, dass ich künftig unabhängig und selbstständig meinen Weg beschreiten muss. Alles, was dann zu mir kommen möchte, wird seinen Weg zu mir finden, ohne, dass ich darum kämpfe oder danach rufe. Aber ich werde weiterhin Hilfe annehmen von all Denjenigen, die mich momentan schon enorm unterstützen.

Ich liebe puzzeln. Und jetzt bin ich wahrscheinlich das größte und schwerste Puzzle, das ich jemals in Angriff genommen habe. Aber ich werde mich der Aufgabe stellen.

 

 

0 thoughts on “Ich bin ein Puzzle!”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.