Die Träume werden schlimmer.

Die Träume werden schlimmer

Ich hatte vor ein paar Tagen darüber geschrieben, dass ich vermehrt träume. Was soll ich sagen, die Träume werden schlimmer. Es ist Sonntag, 4:55 Uhr, ich bin bei Kaffee Nr. 3 und Zigarette Nr. 4. Mein Puls liegt immer noch über 100 und ich fühle jeden einzelnen Schlag meines verdammten Herzens. Wie kann das blöde Ding überhaupt noch schlagen, wo es doch so kaputt ist? Meine Haut klebt vom Schweiß, mein Gesicht klebt vor Tränen. Ich möchte gerne duschen gehen, aber mein Noch-Mann lebt ja noch mit im Haus, da muss ich doch leise sein und Rücksicht nehmen. Wie blöd das ist, weiß ich selbst, aber ich kann nicht aus meiner Haut. Ich nehme immer Rücksicht auf andere.

Auch, wenn das folgende jetzt heftig wird, möchte ich euch von meinem Traum erzählen, aber auch diesmal muss ich eine Trigger-Warnung setzen. Es geht um Vergewaltigung.

Der Traum der letzten Nacht war der schlimmste Traum, den ich in meinem ganzen Leben hatte und er hallt nach und beherrscht mich auch im Wachzustand.

Ich liege (schon im Traum) auf dem Bett in meinem Zimmer. Es ist der Raum, der vorher unser gemeinsames Schlafzimmer war. Zwei Seiten des Raums sind von einem riesigen Kleiderschrank belegt, der jetzt zur Hälfte leer ist. Unter dem Fenster steht eine Couch, die nur als Ablage dient, direkt daran ein Einzelbett und ein Nachttisch. Vor meinem Bett liegt das Hundebett, auf dem zusammengerollt unser Hund liegt und schnarcht. Ich schalte den Fernseher an, will mir „Wer wird Millionär“ ansehen, stattdessen sehe ich mich selbst in einem Film und weiß, dass es keine Komödie ist. Ich sehe, wie ich auf dem Rücken auf einer alten Matratze liege, die Hände gefesselt, die Augen verbunden, der Mund mit einem Tuch geknebelt. Bekleidet bin ich lediglich mit einem weißen T-Shirt und mein Körper ist nur notdürftig mit einer Wolldecke bedeckt. Der Raum ist sehr dunkel, die Fenster verschlossen. Aus dem Nebenraum hört man die Geräusche einer Party. Gelächter, Musik, Gläserklirren, Sektkorken knallen. Die Tür geht auf, ein Mann kommt herein, die Tür schließt sich wieder. Ich möchte den Fernseher ausschalten, aber es funktioniert nicht. Ich starre auf den Bildschirm und bin wie gelähmt, kann nicht wegsehen.

Ich werde es hier nicht so detailliert beschreiben, wie ich es im Traum gesehen habe, weil ich das grade selbst nicht aushalte kann. Mir reichen die Erinnerungen in meinem Kopf, ich muss es nicht noch geschrieben vor mir sehen.

Dieser Mann vergeht sich an mir, während ich das laut- und regungslos über mich ergehen lasse, danach verlässt er den Raum und wird durch den nächsten abgelöst. Die Männer gehen unterschiedlich vor, die einen eher brutal, andere beinahe sanft und zärtlich, Man kann nicht wirklich erkennen, ob ich noch lebe oder schon tot bin. Zwischendurch betritt eine Frau den Raum. Sie wäscht mich notdürftig, richtet meinen Oberkörper auf, entfernt den Knebel, lässt mich mit einem Strohhalm aus einer Wasserflasche trinken. Ich muss mich selbst dabei beobachten, wie ich diese Frau leise weinend bitte, mir zu helfen, mich gehen zu lassen, aber sie schüttelt den Kopf, positioniert den Knebel wieder in meinem Mund und drückt meinen Oberkörper zurück auf die Matratze. Ich wehre mich nicht. Bevor sie den Raum wieder verlässt, streicht sie mir über die Wange und flüstert: „Kämpfe, Ella! Halte durch!“ Kaum ist sie verschwunden, betritt der nächste Mann den Raum. Endlich gelingt es mir, den Fernseher auszuschalten. Ich kann mir das weiter nicht ansehen, doch verspüre ich plötzlich den Drang, wieder einzuschalten, weil ich unbedingt wissen will, wie der Film ausgeht. Ich drücke auf die Fernbedienung und es läuft die Quiz-Show, die ich eigentlich sehen will. Ich schalte hektisch durch alle Kanäle aber überall läuft das gleiche Programm. Dann wache ich auf, schweißgebadet und Tränen überströmt. Ich brauche eine Weile, bis ich in der Lage bin, aufzustehen und mir einen Kaffee zu kochen.

Ich bin jetzt seit zwei Stunden wach, komme einfach nicht wieder runter. Ich musste es aufschreiben. Jetzt habe ich eine ordentliche Dosis von den „netten“ Tropfen intus und warte sehnsüchtig auf die Wirkung.

08:10 Uhr, ich kann nicht schlafen, komme nicht zur Ruhe, denke weiter über den Traum nach. Die Ella, die sich selbst im Film gesehen hat, hat blankes Entsetzen gespürt. Ich, die ich jetzt wach bin, spüre den seelischen Schmerz, den die Ella im Film empfunden haben muss. Es deckt sich mit dem, was ich gestern versucht habe, meinem Noch-Ehemann zu erklären. Es war mir ein dringendes Bedürfnis, ihm zu sagen, was ich empfinde. Ebenso gut hätte ich es vor die Wand sprechen können, denn was ich sage, erreicht ihn nicht mehr, aber es musste trotzdem raus.

All das, was grade geschieht, bereitet mir unfassbare, seelische Schmerzen. Zuerst der Verlust, seiner Person, die Tatsache, dass er mir und uns keine Chance geben wollte. Dann folgend die Art und Weise, wie er sein Verhalten gerechtfertigt hat. Die Tatsache, was mir durch die Trennung alles genommen wird, worum ich so hart gekämpft habe, vor allem mein Zuhause. Das Plötzliche, das Unvorhersehbare, das falsche Wiegen in Sicherheit. Er hat bis vor kurzem noch Zukunftspläne mit mir geschmiedet. Das Sperren meiner EC-Karte, mit dem er mir meine Würde genommen hat. Die Tatsache, dass ich zu einem Anwalt gehen musste, der mir leider erklärt hat, dass ich keinen Trennungsunterhalt bekomme, solange wir noch unter einem Dach wohnen und er alles bezahlt und dass ich mich jetzt ans Job Center wenden muss, um finanzielle Unterstützung zu erhalten. Gefolgt von dem Versuch, dort etwas zu erreichen und wieder abgewiesen zu werden, weil wir halt noch unter einem Dach wohnen und vorher ja auch über die Runden gekommen sind. Ich muss jetzt dort einen Antrag stellen und alles offenlegen, sogar die Kontoauszüge unserer Tochter werden verlangt, obwohl sie kein Einkommen hat. Das hat mich so beschämt, ich habe mich selten in meinem Leben so erniedrigt und gedemütigt gefühlt und selten so geschämt. Sobald ich beim Job Center im System bin, werde ich mich einem Gutachter stellen müssen, um meine Erwerbsfähigkeit beurteilen zu lassen. Die Fibro und mein psychischer Zustand lassen momentan überhaupt nicht an eine Berufstätigkeit denken. Ich bin schon froh, wenn ich es schaffe, zu duschen und ab und an etwas zu essen. Ich werde zu etlichen Ärzten rennen müssen, um mir eine Erkrankung bestätigen zu lassen, von der viele noch immer glauben, dass es sie gar nicht gibt. Es laufen Menschen durch unser Haus, die einen Kauf in Erwägung ziehen und überschreiten damit unwissend meine Grenzen des Erträglichen. All das tut so unerträglich weh. Ich fühle mich, als würde ich immer aufs Neue emotional vergewaltigt. Ich kann den Schmerz nicht mehr aushalten und ich finde keinen Weg, mich davor zu schützen. Ich weiß, dass es erstmal nicht aufhören wird, weil ich all das, was mir nun bevorsteht tun muss und all das weitere Schmerzen verursachen wird.

Ich will einfach nur, dass der Schmerz endlich aufhört, weil ich ihn nicht mehr ertragen kann. Ich flehe um Hilfe, aber meine Rufe werden nicht erhört. Es gibt ja diesen Spruch, dass jeder bekommt, was er verdient. Ich will endlich wissen, was ich getan habe, um all dies hier zu verdienen. Ich will es wissen, damit ich um Vergebung bitten und bewusst Buße tun kann. Ich will, dass es aufhört.

Er hat sich meine Worte unbeteiligt angehört und dabei weiter an seinem Netbook rumgespielt. Er hat mir gesagt, dass er auch künftig meine Beiträge nicht mehr lesen wird, weil er sich den Scheiß nicht mehr antut. Er hat die Schnauze voll von dem ganzen Psycho-Scheiß, er braucht sich das alles nicht anzuhören, denn mit ihm ist alles in bester Ordnung, da gibt es nichts, was bei ihm nicht stimmt und das bestätigen ihm auch alle, mit denen er darüber spricht. Das komplette narzisstische Abwehrsystem. Er muss sich jetzt darauf konzentrieren, sein neues sorgenfreies Leben anzusteuern und es läuft gut für ihn, denn endlich hat ihn die neue „Liebe seines Lebens“ erhört und ihren Mann ihrerseits endlich abserviert. Er hat jetzt keinen Bock und keine Zeit auf den ganzen Scheiß und will schnellstmöglich alles geregelt haben.

Ich kann mit der ganzen Situation nicht umgehen. Er ist mir inzwischen relativ egal. Auch die Vorstellung, dass er mit einer anderen zusammen ist, tut nicht mehr weh. Seine Anwesenheit und die Gedanken an ihn erzeugen in mir ein Gefühl von Abscheu. Es fühlt sich an, als würde eine Horde Spinnen über meinen Körper krabbeln, mich durchlaufen ständig unangenehme Schauer. Ich weiß, dass es wahrscheinlich nie passieren wird, aber ich wünsche mir, dass ihm irgendwann bewusst wird, was er getan hat, dass er das und sich selbst erkennt

Und ich wünsche mir einfach nur, dass der Schmerz aufhört, egal wie.

Ich bin Ella, mein Herz, meine Seele und meine Flügel sind zerbrochen.

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