Veränderung

Ich komme allmählich zur Ruhe

Es ist Sonntag, 05:18 Uhr und ich bin schon wieder seit einer guten Stunde wach. Wobei „wach“ ja relativ ist. Ich sitze, habe schon zwei Tassen Kaffee getrunken. Innerlich bin ich alles andere als wach und würde gerne noch weiterschlafen, aber das klappt nicht. So, wie das mit dem Einschlafen abends nicht klappt. Das muss sich dringend wieder ändern.

Apropos „ändern“….geändert hat sich in den letzten Tagen ganz viel: Umstände….Sichtweisen….Denkweisen….Verhaltensweisen….

Seit vorletzter Woche geht es mir Tag für Tag etwas besser. Die Phasen tiefster Verzweiflung treffen mich weniger häufig und auch die Intensität nimmt ab. Eine durchaus positive Entwicklung. Auch ist der Wunsch, dem ganzen selbst ein Ende zu setzten, schon länger nicht mehr aufgeblitzt. Ich weiß, dass das ganze Gerüst noch sehr instabil und anfällig ist, daher muss ich weiterhin gut auf mich achten.

Ich musste noch einmal durch ein ganz tiefes Tal gehen, bevor ich jetzt einen Berg erklimme, der auf seinem Gipfel den Ausblick auf die Sonne und viel frische Luft zum Durchatmen verspricht.

Vor zehn Tagen musste ich wieder einmal, wie recht oft in letzter Zeit, den Tierarzt kommen lassen, da es meinem Seelenhund Oskar sehr schlecht ging. Mir war schon länger bewusst, dass unsere gemeinsame Zeit nicht mehr lange dauern würde, aber irgendwas hielt ihn davon ab, zu gehen. Der Tierarzt stellte fest, dass Oskar Wasser im Herzbeutel und in der Lunge hatte, aber wir waren zuversichtlich, dass man mit den entsprechenden Medikamenten zu Entwässerung noch eine verbesserte Lebensqualität und mehr gemeinsame Zeit erreichen würde. Das war so leider nicht der Fall. Am Montag wirkte Oskar sehr müde. Er lag wie immer nah bei mir, war schwach, wollte aber nicht schlafen und starrte mich an, als wollte er mir irgendetwas mitteilen. Ich saß lange bei ihm, streichelte ihn beruhigend und sagte ihm, dass er gehen darf, wenn er möchte. Darauf gelang es ihm, den Blick von mir zu nehmen und sich zu entspannen. Am Dienstag verschlechterte sich sein Zustand zusehends, der herbeigerufene Tierarzt konnte sich auch nicht recht erklären, warum der Hund in so kurzer Zeit so massiv abbaute. Die Entwässerungstabletten hatten ihre Aufgabe erfüllt, aber dennoch ging es Oskar nicht besser. Er bekam noch einmal jede Menge Aufbaupräparate, die ihm scheinbar gut bekamen, denn er wirkte wieder deutlich wacher. Am Mittwochmorgen war aber auch diese Wirkung vorbei. Ich hatte morgens noch eine Therapiesitzung, aus der ich wieder einmal sehr gestärkt herauskam. Zuhause angekommen setzte ich mich wieder zu meinem Seelenhund und erklärte ihm, dass ich es schaffen würde, diese Krise zu meistern. Er schaute mich wieder an, entspannte sich deutlich und ich gab ihm wieder die Erlaubnis, zu gehen. Sein Herzschlag verlangsamte sich fühlbar und ich rief erneut den Tierarzt. Der Ex-Hase kam von der Arbeit, er und unsere Tochter nahmen Abschied von Oskar und ich war sehr dankbar, dass er bei unserer Tochter blieb, während ich gemeinsam mit dem Tierarzt auf eine absolut schmerzfreie und würdevolle Art und Weise Oskar auf seinen letzten Weg brachte. Ich hatte Angst, dass ich das nicht durchstehen würde, aber ich wurde von einer merkwürdigen Ruhe erfasst, während ich ihn streichelte, noch lange nachdem der letzte Atemzug gemacht und sein Herz den letzten Schlag getan hatte. Ich war trotz tiefster Trauer stolz auf mich, dass ich das Versprechen, dass ich ihm einst gegeben hatte, halten konnte und ich bis zum Schluss an seiner Seite war.

Ich weiß, dass er an dem Tag auch ohne den Tierarzt gegangen wäre. Vielleicht wäre er friedlich eingeschlafen, vielleicht hätte er sich aber auch noch quälen müssen und das konnte ich ihm ersparen. Mein Wunsch war es, dass Oskar nach seinem Tod eingeäschert würde, aber das verursachte Kosten, die ich mir grade nicht leisten konnte. Daher bin ich dem Ex-Hasen sehr dankbar, dass er sich bereiterklärte, diese Kosten zu übernehmen. Ich trauerte tief, aber trotz des weiteren Verlustes hatte ich nicht das Bedürfnis, Oskar zu folgen.

Am Freitagmorgen passierte dann das, was eigentlich schon viel früher hätte passieren müssen. Ich wachte morgens auf, hielt meine Füße in die Luft, um beim Aufstehen nicht auf den Hund zu treten, der immer direkt vor meinem Bett schlief und realisierte in dem Moment, dass da niemand mehr war. Ich stand noch auf, ging duschen, trocknete mich ab, zog mich an und brach dann zusammen. Komplett! So sehr, dass ich den Rettungsdienst rufen musste, der mich mit der übelsten Panik-Attacke meines Lebens unter Atemnot und Hyperventilation ins Krankenhaus brachte. Nachdem ich dann komplett durchgecheckt wurde, um organische Ursachen auszuschließen, irgendwas gespritzt bekam, was rosa Elefanten vor meinen Augen tanzen ließ, durfte ich mittags wieder nach Hause. Seitdem geht es steil bergauf.

Heute Morgen bin ich mit einer Erkenntnis aufgewacht. Mein Oskar, mein Seelenhund, wäre schon eher gegangen, aber er ist an meiner Seite geblieben, genauso lange, wie ich ihn dringend brauchte, um zu überleben. Er ist der Engel, der mich in den letzten Wochen geschützt und getragen hat, bis er sich sicher sein konnte, dass ich es schaffen werde. Und auch, wenn er jetzt nicht mehr physisch anwesend ist, spüre ich ihn bei mir in jeder Sekunde und weiß, dass er mich beobachtet. Ich habe ihm unbewusst das Versprechen gegeben, dass ich es schaffen werde, dass ich kämpfen und auch diese Krise meistern werde. Auch dieses Versprechen werde ich halten und sollte ich wieder mal ins Schwanken oder Zweifeln geraten, wird er einen Weg finden, mich zu erinnern.

Mit Menschen, die sagen: „Es war doch nur ein Hund.“, kann ich nichts anfangen. Aber es gibt auch Menschen, die ganz genau verstehen, was ich fühle. Er war nicht nur ein „Hund“, er war mein treuster und loyalster Freund und Begleiter. Seine Liebe war bedingungslos und zum Schluss war er mein Lebensretter.

Ella….voller Trauer, aber gewillt, zu fliegen.

 

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